Napoleon organisierte den staatlichen Kunstraub ebenso sorgfältig wie seine militärischen Unternehmungen. Zwei Tage nach dem ersten Bildervertrag mit Modena am 17. Mai 1796 ernannte er einen Agenten zur besonderen Verfügung der französischen Armee in Italien, den er beauftragte, Kunstschätze und Werke der Wissenschaft zu beschlagnahmen und ihren Trans¬port nach Frankreich zu übernehmen, nachdem Art und Zahl der konfiszierten Gegenstande dem Befehlshaber und dem Regierungskommissar bei der Armee gemeldet worden seien.
Bei der Durchführung einer Beschlagnahme sollte in Gegenwart einer von der französischen Militärbehörde anerkannten Amtsperson ein Protokoll aufgenommen werden. Die Beute musste nach Möglichkeit auf Militärfahrzeugen und nur im Notfall auf requirierten Wagen nach Frankreich geschafft werden. Die Armeekasse hatte die Kosten für das Abnehmen, die Ver¬packung und den Transport der Bilder aufzubringen, wobei es sich häufig um hohe Summen handelte, sodass viele Besit¬zer zwanzig Jahre später nicht in der Lage waren, den Rücktransport ihres Eigentums zu bezahlen und daher die Bilder, Skulpturen usw. den Franzosen in Paris nur gegen geringes Entgelt überlas¬sen mussten.
Die Bezeichnung „napoleonischer Kunstraub“ ist etwas irreführend, da bereits der Konvent in Paris 1794 beschlossen hatte, Konfiszierungen vor allem bei den eigenen Fürsten vorzunehmen.
Unter dem Motto „Die Kunst ist ein Produkt der Freiheit und muss im Land der Freiheit ihre Heimstätte finden“, bereisten Kulturkommissare auch alle von Frankreich besetzten Gebiete, um alles mitzunehmen, was der Erziehung der Nation dienlich sein könnte.
Besonders erfolgreich waren die Kommissare in Italien, vor allem in Rom. Ein beliebter Refrain in Paris 1798 war: „Rom ist nicht mehr in Rom, Rom ist in Paris.“
Nach und nach besuchten die Kommissare sowie auch der Direktor des Louvre alle wichtigen deutschen Städte; sie kamen sogar 1809 bis nach Wien, um alte Handschriften, Gemälde und Bibliotheken nach Paris zu bringen.
Dadurch wurde Frankreichs Hauptstadt für 20 Jahre kultureller Mittelpunkt Europas.
Im Musée Napoléon im Louvre wurden die Kunstwerke so aufgestellt, dass sich dazwischen auch die Büste Napoléons mit dem Lorbeerkranz als Siegeszeichen befand, als machtpolitische Demonstration.
Eigenartigerweise reagierten die Deutschen auf das Wegbringen ihrer Schätze nicht sehr.
Möglicherweise lag der Grund hierfür in der Tatsache, dass die Pariser Museen gezeigt hatten, dass sie, im Gegensatz zu den Deutschen, die Kunstwerke gut behandelten und internationalen Besuchern zugänglich gemacht hatten.
Paradoxerweise hatte der „Napoléonische Kunstraub“ aber auch seine guten Seiten. Durch die allgemeine Aufmerksamkeit für die Künste besann man sich auch in Deutschland auf ihre Werte und es wurden große Institutionen gegründet, wie z.B. die Pinakothek, um die zerstreuten Sammlungen zusammenzuführen.
Denn eine gute Regierung erkennt man auch daran, wie sie ihr Kulturerbe behandelt.
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