„Die erstaunliche Meisterschaft des Autors, dessen Begabung für die Darstellung gebrochener jugendlicher Helden sich ausspricht, zeigt sich in der Leichtigkeit mit der er die beiden Komplexe Jugend-Politik, Einzelner- Gesellschaft miteinander vernäht.“ (Rolf Michaelis)
Treffen diese genannten Qualitäten überhaupt zu? Würden sie auch für Goethes „Werther zutreffen? Wird auch hier ein gebrochener jugendlicher Held dargestellt? Werden in beiden Romanen die gleichen Themen angesprochen? Mit diesen und vielen anderen Fragen, werde ich mich nun auseinandersetzen.
Das Bühnenstück das von Ulrich Plenzdorf im Jahre 1970 in der Deutschen Demokratischen Republik aufgeführt wurde, war ein fulminanter Erfolg. Die Bühnenfassung des „Jungen Werther“ wurde vom Publikum so positiv aufgenommen, da der Autor den damaligen Zeitgeist offenbar getroffen hat. Die sozialistisch regierte DDR befand sich in den frühen 70er Jahren in einer Aufbruchsstimmung. Die Jugend orientierte sich zunehmend an den westlichen Idealen. Sie hatten es satt, in einem totalitären Staat zu leben. Die Hauptperson Edgar Wibeau, aus dem Buch „Die neuen Leiden des jungen W.“ zeigt das, indem er „echte“ Jeans aus dem Westen trägt, die vermutlich damals in Ostdeutschland schwer zu bekommen waren und auch einen Jugendjargon verwendet, der mit Englisch vermischt ist. Anfangs war Edgar ein Musterschüler doch später lehnt er die bürgerlichen, sozialistischen Werte, die ihm von seiner Mutter, beziehungsweise der Regierung vorgegeben wurden zunehmend ab. Er lehnt die Kollektivität ab und möchte seine Individualität ausleben, indem er mit dem Lehrherrn und seiner Mutter bricht, das Dorf verlässt und in die Stadt Berlin zieht. Dort möchte er sich selbstverwirklichen und ein Kunststudium beginnen. Die Kunstakademie lehnt ihn aber ab und Edgar zieht sich in die „Laube“ zurück, hadert mit dem Schicksaal und sieht sich als verkanntes Genie.
Plenzdorf hat es nicht nur geschafft, das Publikum mit der Wahl des Themas zu begeistern, sondern auch mit dem originellen Aufbau des Stückes, das auf drei Zeitebenen spielt. Das Stück beginnt mit den Zeitungsnachrichten über den Tod des Edgar Wibeau. Der Vater, der sich seit der frühen Kindheit Edgars nicht mehr um seinen Sohn gekümmert hat, beginnt nun über dessen Leben zu recherchieren und befragt seine Freunde und Mutter. Darüber hinaus kommentiert Edgar sozusagen aus dem Jenseits diese Schilderungen. Ein zusätzlicher Verfremdungseffekt wird dadurch erzielt, dass Edgar eine Reclam Ausgabe der „Leiden des Jungen Werther“ von Goethe findet und daraus Zitate, die auf sein Leben passen auf ein Tonband aufnimmt und seinem Freund Willi zuschickt. Dieser Stil beeindruckte, weil es in der DDR bis dahin so etwas in der sozialistischen Literatur noch nicht gab.
Auch die Sprache des Romans ist attraktiv, denn Plenzdorf lässt seinen Helden, den lässigen Jargon, der DDR Jugend sprechen. Das Verwenden von englischen Ausdrücken wie zum Beispiel „Old Werther“ birgt auch eine gewisse Komik in sich. Manchmal wird der Leser auch direkt angesprochen, indem sich der Protagonist zum Beispiel mit den Worten „Ich war ein Idiot..“ an ihn wendet.
Nun ein Vergleich mit Goethes Werther: Zwischen beiden Werken gibt es viel Gemeinsames. Beide Helden, Werther und Edgar sind unglücklich verliebt, der eine in Lotte, der andere in Charlie. Beiden ist klar, dass ihre Liebe nicht erwidert wird. Edgar kann mit dieser Situation sichtlich besser umgehen, da er nicht die Liebe zum einzigen Lebensziel macht. Werther hingegen scheitert an dieser Liebe zu Lotte, wohl auch weil er ein Mann des achtzehnten Jahrhunderts ist und den gesellschaftlichen Zwängen unterliegt. Eine Frau dieser Zeit konnte aus der Ehe nicht ausbrechen und sich einen Liebhaber nehmen. Sie und der Liebhaber wären aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden.
Sowohl Edgar als auch Werther möchten Kunstmaler werden, können aber dieses Ziel nicht erreichen. Da sie in der Liebe aber auch in ihrem Berufsziel scheitern, ziehen sie sich aus der Gesellschaft zurück. Edgar kehrt aber dann doch noch ins Berufsleben zurück, indem er in einer Malerbrigade arbeitet, um Geld zu verdienen. Schließlich scheitert er aber auch hier, zerstreitet sich mit seinem Chef und wird entlassen.
Am Ende sterben beide. Edgar durch einen Unfall und Werther wählt den Freitod, um seinem unglücklichen Leben ein Ende zu setzen.
Auch Goethes Werk war ein großer Erfolg, denn nach seinem Erscheinen wurde ein wahres „Werther-Fieber“ ausgelöst. Junge Männer kleideten sich wie Werther, etliche begingen Selbstmord, da sie sich stark mit der Hauptfigur identifizierten. Somit kann man sagen, dass auch Goethe mit seinem Briefroman den damaligen Zeitgeist getroffen hat. Er war ein Mann der Aufklärung und wollte sicherlich mit seinem Werk gesellschaftliche Normen und Traditionen in Frage stellen.
Interessant ist es auch, wenn man den Anfang von Plenzdorfs Werther mit dem Schluss von Goethes Roman vergleicht. Der DDR Autor beginnt sein Werk mit den Todesnachrichten von Edgar Wibeau, also eigentlich mit dem Ende. Der Aufbau von Goethes Buch ist konventionell, nämlich es endet mit dem traurigen Begräbnis seines Protagonisten. In diesem Schluss findet man eine Gesellschaftskritik Goethes wieder: Werther wird als Selbstmörder bei „Nacht und Nebel“, ohne geistlichem Beistand und ohne Pomp bestattet, denn die Kirche verweigert Menschen, die sich selbst das Leben nehmen eine kirchliche Bestattung.
Mir persönlich hat Plenzdorfs Werther sehr gut gefallen, da ich die Sprache und den Aufbau des Buches sehr originell fand und da ich es interessant fand einmal einen Autor aus einem Sozialistischen Land zu lesen, der mit seinem Buch die Jugendlichen ermuntern wollte, sich nicht vom kommunistischen Staatsapparat beeinflussen und unterdrücken zu lassen.
| < Zurück | Weiter > |
|---|


