Rezeptionsgeschichte
Die ersten Pläne für ein eigenes Virginiastück hatte Lessing bereits 1757. 1772 wurde das Stück uraufgeführ, also dauerte es fünfzehn Jahre, bis es zur Uraufführung kam. Die Grundsätze der Hamburgischen Dramaturgie sind für Emilia Galotti nicht in allen Punkten verbindlich, denn es gibt „eine deutliche Differenz zwischen den theoretischen Ausführungen der Dramaturgie und der dramaturgischen Praxis der Emilia“. In einem Brief über sich selbst schreibt Lessing: „Sein jetziges Sujet ist eine bürgerliche Virginia, der er den Titel Emilia Galotti gegeben.“
Nach den großen Erfolgen von Miss Sara Sampson und Minna von Barnhelm wartete die Theaterwelt auf ein weiteres bedeutendes Ereignis. Nach der Uraufführung dauerte es nicht lange und es folgten weitere Aufführungen in neun Großstädten Deutschlands und Österreichs. Das zeigt, wie angesehen Lessing war und belegt die Beliebtheit seines neuen Stückes. Die Zeitungen sprachen von „großem Beyfall“, den Lessing selbst nicht erlebte, da er wegen „Zahnschmerzen“ bei der Aufführung fehlte. Ob er nicht doch befürchtete, dass das Stück den königlichen Hof provozieren könnte, weiß man nicht. Das niedergeschriebene Stück (es enthielt nur die ersten vier Akte) gefiel dem König jedenfalls. Fast alle Kritiker lobten Lessing, allerdings in drei verschiedenen Blickrichtungen. Die einen verglichen es mit der griechischen Tragödie und lobten den strengen Aufbau. Die anderen verglichen Emilia Galotti mit dem rührenden Trauerspiel Miss Sara Sampson und einigten sich darauf, dass das neue Stück viel kühler sei und nicht so viele Emotionen hervorruft. Einige bezeichneten Lessing als den deutschen Shakespeare, der sich nicht unbedingt an die Regeln halte und trotzdem alles richtig mache. Fast zeitgleich wurde das Theaterstück gedruckt und fand darauf bekannte Schriftsteller, die das Stück als Ganzes oder einzelne Personen in ihr Werk einbauten. Als Höhepunkt gilt wohl der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe, der das Trauerspiel erwähnt. „Von dem Weine hatte er nur noch ein Glas getrunken. Emilia Galotti lag auf dem Pult aufgeschlagen.“ Werther hat sich den Mut zu sterben bei Emilia Galotti geholt. Die Personen oder deren Abwandlungen findet man in der „Sturm-und-Drang-Dramatik“ wieder.
Als letztes Jahrhundert behauptet wurde, das bürgerliche Trauerspiel wäre eine „tote Gattung“, brachte Fritz Kortner eine ganze Serie von bürgerlichen Trauerspielen heraus, unter anderem mit Emilia Galotti. Seit 1984 machten mehrere Bundesländer Deutschlands das Theaterstück zur verpflichtenden oder empfohlenen Lektüre für die Oberstufe. Die Begründung: „Die entlarvende Sprache und die transparente Dramenstruktur, die zeitübergreifende Interessenkonflikte und die daraus resultierende Personenkonstellation, die skrupellose Jagd nach Mach und Erfolg in Politik und Privatleben oder – als alternative Gegenbewegung – die emanzipatorischen Anliegen und aufklärerischen Grundgedanken: das sind Problemfelder, die jederzeit eine didaktische Durchleuchtung rechtfertigen.“ Dieses „jederzeit“ gilt wohl heute noch.
In Wien wurde „Emilia Galotti“ das letzte Mal 2003 im Akademietheater aufgeführt. Regie führte damals Andrea Breth; die beiden Hauptrollen wurden durch Johanna Wokalek, als Emilia und Sven-Eric Bechtolf, als Hettore Gonzaga besetzt.
Kritik als Entwicklungsmoment von Lessings Trauerspiel:
Goethe schreibt im selben Jahr der Uraufführung, dass er nicht besonders vom Stück begeistert, es aber trotzdem ein Meisterstück ist: „Drum binn ich dem Stück nicht gut, so ein Meisterstück es sonst ist […]“.
In der Hamburgischen Dramaturgie stehen keine Regeln und Anweisungen, wie ein Drama verfertigt werden muss. Sie vermittelt nur, in der „kritischen und polemischen Auseinandersetzung mit dem französischen Klassizismus“ eine allgemeine Vorstellung, wie ein originales, deutschsprachiges Drama auszusehen habe. Emilia Galotti ist ein praktischer Versuch, sich diesem Ziel zu nähern. Lessing weiß, dass das Stück verbesserungswürdig ist. Trotzdem schreibt er mit Hilfe der Kritik kein neues. Wahrscheinlich wegen seiner Enttäuschung über die Entwicklung des Theaters und seinen persönlichen Schwierigkeiten als Bibliothekar.
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